Pimp my drum: Es gibt unterschiedliche Strategien, den eigenen Sound zu verbessern – Gänsedaunen

Bassdrum mit Gänsedaunen

Bassdrum mit Gänsedaunen

Gesehen habe ich das zum ersten Mal bei dem Schlagzeuger Hermann Rarebell (vormals Scorpions). Rarebell spielt seit geraumer Zeit ein Acryl-Schlagzeug (Ludwig Vistalite amber). Was mich regelrecht erschrecken ließ, war ein Foto eines Auftritts von ihm, worauf ich erkennen konnte, dass er seine (überdurchschnittlich grosse) Bassdrum (26′) mit irgendwelchen Federn gefüllt hatte, anstatt mit den üblichen Kissen, Decken und anderem stuff. Das ließ mich neugierig werden. Ich erfuhr, es handelt sich um Gänsedaunen.

Jetzt habe ich einen Feldversuch gestartet. Dazu bin ich zunächst -technikverliebt, wie ich bin- ins Internet gegangen und habe nach Gänsedaunen gesucht. Ich erfuhr beispielsweise, wie man erfährt, ob Gänsedaunen aus artgerechter Haltung stammen? Pustekuchen. Regionale, vernünftige Angebote, Gänsedaunen zu bekommen, gibt es so gut wie gar nicht. Auch der Suchbefehl ‚Gänsedaunen Berlin‘ (absurd, oder?) führte nicht zum gewünschten Ergebnis. In manchem sind mir Muttis eindeutig überlegen und so rief ich eine Tresen-Verkaufskraft in einem Laden für Bastelbedarf an. Sie winkte mir telefonisch mit dem Zaunpfahl, und ich hatte diesen sogar verstanden. Im gut sortierten Bettenfachhandel möge ich mich umhören. Hätte ich doch früher schon auf Mutti gehört. Sie hätte es gewusst. Gar keine Frage.

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Standtom (mit Gänsedaunen)

Standtom (mit Gänsedaunen)

Die Fa. Betten Anthon in Berlin-Lankwitz besteht schon seit 1927 und nennt die Verkäufer neumodisch sogar ein Team. Diese Terminologie erzeugte ein tiefes Zutrauen in dem modernistischen Drummer auf Daunensuche und Betten Anthon hatte auf telefonische Nachfrage meinerseits gleich was auf Lager. Gänsedaunen lose, kein Problem. Ich schilderte, ich beabsichtigte meine grosse Fusstrommel (Bettenfachverkäufer: ‚Was ist eine Bassdrum?‘), das ist die, wo der Schlagzeuger immer mit dem Fuss gegenhaut, mit Gänsedaunen aufzufüllen. Der beste Rat der Bettenfachverkäufer war schließlich der, ich möge die Trommeln mal mitbringen, da kann man das dann einblasen. Was, blasen? Etwa zu einem Drittel, schätze ich. Wieviel Kilo Gänsedaunen das wohl sein werden? Keine Ahnung. Was bitte ist das spezifische Gewicht von Gänsedaunen? Schließlich fragte ich auch noch bei Betten Schmitt in Berlin-Zehlendorf nach. Man kann die angebotenen Preise für unterschiedliche Güteklassen von Gänsedaunen durchaus vergleichen.

Merke: Ein Bettenhaus, das ist kein Bethaus und da wir hier in Deutschland (noch) kein Minarettverbot beschlossen haben, ist einen Schlagzeugertempel der Lust aus Gänsedaunen zu bauen kein sonderlich großes Problem.

Es müssen jedenfalls nicht die besten am Markt erhältlichen sein. Der Preis wird in 100 g Tranchen angegeben. Ein Preis von ca. 4,95 € je 100 Gramm ist für die mieseste Sorte Gänsedaunen wohl okay. Der Wunschschläfer allerdings kann auch 30,- € aufwärts je 100 Gramm ausgeben, worauf es dem rudimentierenden Schlagzeuger -wie gesagt- nicht ankommen sollte. Im Bettenhaus Schmitt in Berlin-Zehlendorf ist die Gänsedaunen-Abteilung (ja ja!) im Untergeschoss. Frau Schreck, Gänsedaunen-Fachverkäuferin, geht mit mir ins hinten links gelegene Separée. Dort sind so Schubkästen, die von den Füssen bis zur eigenen Hüfte reichen. Es sind Gänsedaunen unterschiedlicher Qualitäten schubladisiert geordnet, aber das sagte ich ja schon. Vor dem Dingsbums mit den Billig-Gänsedaunen (aus Polen, die armen Tiere will ich mir gar nicht erst vorstellen) hat Frau Schreck so ein Riesendings mit einem großen Saugrüssel dran und Waage. Hier wird angesaugt und in Stopf(kissen) verpackt, eingeblasen. Meine mitgebrachten Haushalts-Mülltüten will sie nicht benutzen. ‚Das gibt eine Riesenschweinerei‘. Okay, egal. Ich habe zwei Bassdrums zu befüllen (eine 26′ – Ludwig Vistalite, Rockschlagzeug und eine 16′ – Sonor Jungle Set, Jazzset). Ich bestelle die Menge nach geschätztem Augenmaß, Pi mal Daunen (äh, Daumen). Zusammen kommen ca. 900 Gramm, sagen wir mal, sagt Frau Schreck, ebenfalls Pi mal Daunen. Ich werde am Ende gerundet 40,- € bezahlen.

Wieviel 900 Gramm sind? Durchaus geschätzte zwei Haushalts-Müllsäcke voll, man kann das Zeugs stauchen, wie nix anderes.

Am Abend befülle ich zu Testzwecken das Ludwig Vistalite-Kit. Erst habe ich nur die Bassdrum im Visier. Da rein (Foto 1) verbringe ich ein Drittel des gesamten Gefässinhalts der Bassdrum, locker, luftig, leicht. Vorher schraube ich an beiden Seiten das Schlag- und das Resonanzfell ab. Im Resonanzfell ist ein Mikrofonloch (Fa. Holz, Amerika) in 5′-Grösse als schwarzer Ring eingearbeitet. Das muss ich bedenken, denn das Loch ist unten rechts (auf 5 Uhr, geschätzt). Wenn ich da Gänsedaunen einfülle, ohne dieses Loch mit zu bedenken, schneit es sofort in den Proberaum, die Dinger wirbeln feinstaubartig durch die Luft. Ich nehme ein Haushaltswischtuch aus irgendeinem Gewebe (luftdurchlässig) und klebe es vorher in das 5′ grosse Loch ein, so dass es daunendicht ist. Nun befülle ich die Bassdrum. Beide Felle nun stimmschrauben und gut ist.

Inzwischen expandieren meine Ideen weiter, denn Denken ist nicht verboten. Ich habe noch so viele Gänsedaunen, was soll ich mit denen anfangen, die ich nicht einstreuen konnte? Ich entschliesse mich daher versuchsweise, auch das Hängetom (14′) und die zwei Standtoms (16′, 18′) mit einer dünnen Schicht Gänsedaunen zu befüllen. Dies eher aus optischen Gründen, aber mal sehen, wie´s klingt. Das Ergebnis ist ansprechend. Die Bassdrum hat jetzt einen guten, trockenen Kick. Die Toms haben nach wie vor eine gute Resonanz (Resonanzfell hochgestimmt, nur dünn, nicht zu viel Gänsedaunen, das tötet). Besonders witzig aber ist: da das Vistalite transparente Kessel hat, sieht ein jeder die Einfüllung. Und wenn man draufschlägt (aufs Fell), tanzen die Gänsedaunen federleicht im Tom. Okay, ein Feintuning der Felle werde ich in den nächsten Tagen noch machen. Für heute reicht´s mir. Die gewonnenen Erkenntnisse:

– Gänsedaunen in Bassdrum, das ist super und besser als Decken, Kissen und dergleichen.

– Gänsedaunen in Toms, das macht Sinn, wenn die Kessel transparent sind und man sie sieht. Bedenke: das da geht nur mit solchen Toms, an denen du ein Resonanzfell aufgezogen hast, denn sonst fallen die Dinger wieder raus! Eine Riesensauerei. Resonanzfelle vorausgesetzt, hüpft das Drummerherz (mit den Daunen) vor Freude. Sieht ungewöhnlich aus.

– Damit nicht übertreiben. Einerseits ist es ein guter Showeffekt. Andererseits geht es aber, und das ist wesentlich, um den Sound.

Da muss man herumexperimentieren. Fazit: Es hat sich gelohnt.

Nach der Befüllung des einen Schlagzeugs von zweien habe ich genau eine Mülltüte davon benötigt, also müssen das geschätzte 400 bis 450 Gramm sein.