HowTo: Wie man eine Jazz-Ballade wischt – es ist wie Schwimmen, nur umgekehrt!

HowTo: play brushes on a Jazz Ballad

HowTo: play brushes on a Jazz Ballad

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(Ausschnitt Probe Januar 2010 – Infant Eyes – Jazzballade)

Ich muss gestehen, das kann ich noch nicht so gut. Denn es ist schwierig. Vom Schlagzeug spielen macht man sich eher so Vorstellungen von harten Holzsticks und vom Herumdiggern auf den Schlagflächen, die uns die Welt bedeuten. Die Jazzballade allerdings würde durch Höhlenlärm wie diesen eher nur gestört werden, massiv gestört. Also geht es darum, Dezenz an den Tag zu legen, bzw. diese herbeizuwischen. Das Ganze erfolgt auf einer handelsüblichen Snare (kleine Konzerttrommel) mit gespanntem Teppich. Wenn wir uns die Snare als Uhr vorstellen, haben wir zwei Jazzbesen in der Hand, wobei wir den rechten Arm an die Position von drei Uhr ansetzen und die linke Hand bei neun Uhr verorten. Linkshänder denken bitte gern anders herum.

Sabine, Schlagzeuglehrerin, sagt: ‚Du musst dir das Wischen einer Jazzballade so vorstellen wie Schwimmbewegungen, nur anders herum. Das ist schon eine entscheidende Erkenntnis für allen Anfang, der zunächst schwierig ist. Denn es geht darum, sich mit den beiden auf dem Teppich herumwischenden Besen nicht ins Gehege zu kommen. Die linke Hand wischt auf der gedachten, hälftigen Unterseite des Kreisrunds Kreise entgegen dem Uhrzeigersinn, während die rechte Hand im oberen Hälftigen dagegen wischt. 

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2 play brushes - Jazz

2 play brushes - Jazz

Hier kommt nun eine erleichternde, befreiende Nachricht für Nachwuchsschlagzeuger: es scheint erlaubt zu sein, sich zuhause eine Snare mit Ständer hinzustellen und Jazzbesen zu üben. Es ist erlaubt, weil es schlicht -und ganz im Gegensatz zu heavy metal doom- und Doppelbassdrumübungen lautstärkemäßig in wesentlicher Weise hinter der Übungslautstärke fast aller anderen Schlagzeugübungen zurückbleibt. Dass hieraus bereits die apodiktische Forderung ‚Leute, lernt Jazz‘ abzuleiten ist, will ich zwar nicht behaupten, aber in der Tat hat Jazz etwas Wesentliches für unseren insgesamten Fortschritt im Schlagzeugspiel. Denn wir können auf diese Weise leise, leise an unserer Time (Zeit) arbeiten und bspw. ein Metronom laufen lassen, während wir uns kontinuierlich gleichmäßig auf und zwischen den Zählzeiten auf dem Fell hin- und her bewegen. Balladen mit Jazzbesen auf der Snare zu wischen, kann man als meditative Ruhe und innere Ausgeglichenheit apostrophieren. Wer sie nicht hat, sollte aber davon wissen, um darauf hinzuarbeiten.  Hier geht es darum, das Gewische in kontinuierliche, ruhige Bewegungen zu fassen, also die Zählzeiten 1,2, 3 und 4 (sagen wir mal, bei Tempo 50 zunächst, Metronom ratsam) in eine Bewegung wie in einer Welle zu bringen, mit einer leichten Zuspitzung auf den geraden Zählzeiten. Also z.B. 1 – und – 2 – und -3- und -4-, wobei jeweils auf der glatten Zählzeit eine winzig kleine Beschleunigung mit etwas erhöhtem Druck (Scratch) auf dem Fell ausgeführt wird.

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(Audiobeispiel 1: erste Versuche: Jazzbesen balladesk – Tommy´s rehearsals, recorded 29.01.10)

In der Jazzballade ist die wogende Wellenbewegung, die mit dem Grundrauschen des Snarefells erzeugt wird, eher von der Behäbigkeit eines schönen Sonnentages in der Karibik und in einer windgeschützten Bucht bei leichtem Wind, als im Vergleich dazu von der rauen Unstetigkeit der Nordseeküste, besungen von Klaus & Klaus, bei Labskaus und Matjeshering. Die Jazzballade muss sich eher anfühlen, wie zu sein in einer Bar im Süden von Nordamerika, am Meer, die Tür ist offen, man kann auf die Straße sehen. Das Saxophon spielt langsame, lang gezogene Töne, man ist schon ein bisschen benebelt. Zu trinken gibt’s Southern Comfort oder einen Whiskey auf Eis. Die Augenlider sind schwer und fallen einem fast zu, während der Pianist die Register aufschäumt zu opulenten Klangkaskaden. Die dafür nötige Wellenwippbewegung müssen wir ertragen in ihrer ganzen Langsamkeit. Permanent sind wir unruhig und ertragen die Spannung kaum, die wir selbst aufbauen, wollen ausbrechen, uns trommelnd befreien, und dennoch verbleiben wir in diesen Minuten in der ganzen, schwerfälligen Langsamkeit des Lebens. Dabei denken wir an eine Vielzahl von Miles Davis- oder Wayne Shorter-Stücken. Eventuell haben wir jetzt, nach all diesen Permutationen unseres eigenen Gefühls, endlich die Stimmung aufgewogen, die wir benötigen, um mit all der uns zur Verfügung stehende Ruhe auf dem Snarefell zu wischen.

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(Audiobeispiel 2: Jazzballadesk wischen – Sabine – deutlich runder, recorded 29.01.10)

Von dieser ruhigen Gelassenheit bin ich selbst noch weit entfernt. Das Gegenteil davon, eine Jazzballade mit Brushes zu wischen, ist die perfekte Aufgeregtheit. Um sich einmal anzusehen, was man mit Jazzbesen alles machen kann, hier mal ein Video von Clayton Cameron, einer Art Besenpapst aus Amerika.


Clayton Cameron, JazzBrushes (via Youtube/Drummerworld)

Aber jetzt arbeite ich dran, erst einmal Balladen zu wischen, habe ich mir vorgenommen. Zeit wird’s. Edward Freytag hat via Youtube dazu ein aussagekräftiges Schulungsvideo veröffentlicht. Es gibt einem einige Gesichtspunkte, wie man Balladen wischen kann.


Edward Freytag – Brush Technique #1 (via Youtube)

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Weiterführend

Stark: Brushmaster Clayton Cameron ist ein Besenartist

Round Midnight: Miles hat uns Jazzballaden fürs Leben geschrieben