210/11: Interview: Karl Johannes Schindler im extrem diskreten Dialog mit Andreas Bock, Bluesdrummer #Yorckschlösschen

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Andreas Bock ist einer der versiertesten Bluesschlagzeuger Europas. Über 20 Jahre Bluesschlagzeug haben ihre Spuren hinterlassen. Einerseits in der nationalen Szene als Gründungsmitglied der „Blues Shacks“, aktueller drummer renomierter Bands wie „Niels von der Leyen Trio“, „Boogie Radio Orchestra“, „Kat Baloun Blues Band“, „Blues Rudy“, „KC Miller“ oder „Little Roger & The Houserockers“ sowie andererseits als internationaler freelancer z.B. bei „RJ Mischo (USA)“, „Andy Egert Blues Band (CH)“, „Trickbag“ (S), „London Phillips (USA)“, „Mark Hummel (USA)“, „Tomi Leino (Fin)“, „West Weston (GB)“ oder „Janice Harrington (USA)“ (Selbstdarstellung auf der Homepage von Andreas Bock, Link unten)

Karl Johannes Schindler hat ihn neulich interviewt: Andreas Bock, preisverdächtigter Bluesdrummer mit einigen Nebenberufungen, wie das Interview zeigt. Für die Güte und Qualität der gestellten Fragen ist eindeutig der Interviewer selbst verantwortlich, dem wir für die Überlassung seines extrem diskreten Zwiegesprächs verschwiegen danken.

Karl Johannes Schindler

Karl Johannes Schindler

K.J.S.: Du bist nominiert als einer der fünf besten deutschen Blues-Schlagzeuger. Glückwunsch dafür schon mal!

ANDREAS: Danke! Die German Blues Awards werden in mehreren Kategorien, die jährlich wechseln, verliehen. In diesem Jahr sind das die Kategorien Band, Solo/Duo, Club, Festival, Tonträger, Piano, Schlagzeug/Percussion und Medienpreis. Durch ein Prevoting haben Fachjournalisten, Veranstalter, Produzenten etc. eine Vorauswahl getroffen. Die ersten fünf durch das Prevoting ermittelten Acts werden online gestellt und die Gewinner durch ein öffentliches Online-Voting ermittelt.

K.J.S.: In welchem Zeitraum kann abgestimmt werden?

ANDREAS: Noch bis zum 31. Juli 2011 kann jeder über die Preisträger der German Blues Challenge und der German Blues Awards online abstimmen.

K.J.S.: Was unterscheidet einen „Blues-Drummer“ von, sagen wir, Carl Palmer?

ANDREAS: Nicht viel, denn Carl Palmer ist eigentlich auch ein Blues-Drummer. Seine Vorbilder waren Gene Krupa und Buddy Rich. Er spielte lange bei Chris Farlowe in der Band, seine Wurzeln liegen eindeutig im Blues. Ein Blues-Drummer muss unheimlich vielseitig sein. Leider wird das oft verkannt und der Blues mit dem Attribut „langweilig“ versehen. Das ist Blödsinn. Der Blues offenbart sich für mich in unzähligen verschiedenen Spielarten und Nuancen, die ich als Trommler verstehen und bedienen muss. Zwischen dem New Orleans Groove und dem Chicago Blues liegen doch echte Welten. Westcoast, Eastcoast, Funky, Rock’n’Roll, R&B – das ist alles Blues! Einer meiner Favoriten ist da übrigens nicht Carl, sondern Earl Palmer. Ein Typ, der Little Richard, Smiley Lewis, Fats Domino und andere Größen begleitet hat. Was hat der Mann alles drauf, was für eine Vielseitigkeit! Nix mit „Langeweile-Blues“. Earl höre ich sofort aus Aufnahmen ‚raus.

Andreas Bock (Privatarchiv)

Andreas Bock (Privatarchiv)

K.J.S.: Der große Buddy Rich äußerte mal, Pianist oder Gitarrist könne man irgendwie werden, Drummer hingegen müsse man per Geburt sein. Was könnte er gemeint haben?

ANDREAS: Du musst bedenken, Buddy Rich war einer der größten Egomanen, die es gab, ein arroganter, selbstgefälliger Perfektionist in aalglatter Haut. Der hat niemanden neben sich geduldet. Nicht mal „das Tier“ aus der Muppet-Show hat er beim Battle gewinnen lassen!

K.J.S.: Ja, das war gemein. The Animal brillierte durch haushohe Überlegenheit und ist ja sowieso nicht zu toppen. Lediglich die mitfühlende, sensible Art des Tieres ließ den übereifrigen Buddy Rich am Ende zum Schein gewähren. Ein Zeichen von animalischer Größe.

ANDREAS: Ja. Buddy sagte selber immer von sich: „Ich übe nie!“ Aber das hat ihm niemand geglaubt. Der hat geprobt wie sonstwas. Natürlich hat Musik auch etwas mit Begabung zu tun, klar, aber in erster Linie ist alles verdammt harte Arbeit. Und das gilt für jedes Instrument. Vom Angucken des Schlagzeugs kann ich noch lange keinen Backbeat oder desgleichen spielen.

K.J.S.: Unter den Bluesern sind nicht wenige Puristen anzutreffen. Andere innovieren den Blues längst elektronisch, bauen Loops ein und stellen neben der klassischen Besetzung auch einen DJ auf die Bühne. Wie hältst du’s mit dem Blues?

ANDREAS: Ich bin eigentlich offen für viele Strömungen, habe mir meinen Bezug zu den Basics aber nach wie vor bewahrt. Ich liebe zum Beispiel einfach den Sound, wenn ich auf meine alte Bude haue, eine 60-er Ludwig. Dieses irre Feeling kann mir keine E-Drum der Welt geben. Innovation ist ein schönes Wort. Man muss es aber auch anwenden können. Und sich selber öffnen. Warum als Bluesband nicht einen Amy-Whinehouse-Song covern? „It´s all blues“!

K.J.S.: Ein vielbeachteter Berliner Drummer, Roger Radatz, hat vor einiger Zeit beschlossen, in der Metropole nur noch im Yorckschlösschen live zu gastieren. Verstehst du ihn?

ANDREAS: Ich kenne in Berlin jede Menge Musiker, die eigentlich gar nicht mehr in Berlin spielen. Andere kommen kaum aus der Stadt heraus. Ich liebe das Yorckschlösschen und spiele sehr oft und auch sehr gerne dort. Olaf, der Besitzer, ist für mich Individualist und Einzelkämpfer, und von genau diesen Typen lebe ich – und letztlich auch der Blues. Ich bin ihm dankbar, allen anderen und mir eine Bühne zu geben. Ohne Orte der Auftrittsmöglichkeit stirbt die Live-Musik aus, das ist ganz klar. Und da wird es in Großstädten immer schlechter. Ich spiele beispielsweise fast nie in Köln, Frankfurt, Hamburg oder Düsseldorf, aber in ländlichen Gebieten spiele ich andauernd. Da sitzen die Leute mit dem nötigen Herzblut, die Konzerte veranstalten, die nicht vom riesigen Kommerz verseucht werden. Es gibt in Deutschland so unheimlich viel tolle Festivals, die den Blues unterstützen, das ist einfach nur Klasse.

K.J.S.: Kannst du deine Gigs im Yorckschlösschen eigentlich noch zählen?

ANDREAS: Klar, habe ich aber noch nie gemacht. Ich denke, es sind mittlerweile über 100, und jeder war etwas Besonderes, wie jeder Gig für mich etwas Besonderes ist. Ich liebe es halt, Musik zu machen. Und gerade Olaf Dähmlow vom Schlösschen hat mich bei meinem ersten Auftritt dort beeindruckt: „Herzlich willkommen in Berlin, gute Musiker können wir immer gebrauchen“, sagte er. Das rührt mich noch heute!

K.J.S.: In welchen Formationen bist du aktuell unterwegs?

ANDREAS: Es sind sehr viele. „Boogie Radio“ und „Kat Baloun“ in Berlin, „Little Roger & The Houserockers“ in Bonn, „Niels von der Leyen Trio“ in Hannover oder „Bluesrudy & Marko Jovanovic feat. Peter Schmidt“ in Wittenberg. Was für tolle Musiker das alles sind! Immer mehr spiele ich auch mit amerikanischen Spitzenmusikern wie „RJ Mischo“ oder im September mit „Mark Hummel“. Da habe ich eine fantastische Begleitband gefunden: Jan Mohr aus Hamburg an der Gitarre und Jaska Prepula aus Finnland am Bass. Wir sind voll eingespielt und rocken jeden Laden.

K.J.S.: Mit welchen Musikern würdest du gern mal über die Bühnen dieser Welt touren?

ANDREAS: Keine Ahnung, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich spiele mit so vielen wunderbaren Musikern zusammen. Das ist doch schon ein Riesenglück und eine Ehre für mich.

K.J.S.: Woran arbeitest du momentan musikalisch außerhalb der Konzerte?

ANDREAS: Ich bin im Februar und März 2012 in Leipzig am Krystallpalast-Varieté als Schlagzeuger engagiert. Das ist ein ganz neues Betätigungsfeld für mich. Die Show heißt „Hands“, und wir drei Musiker müssen die Akteure bei Jonglage, Tanz und so weiter live begleiten, bekommen aber auch Solo-Spots. Ich bin gerade im Studio und spiele die Musik dafür ein. Eine irre Herausforderung für mich.

K.J.S.: Wenn ich dereinst sterben werde, dann sehr wahrscheinlich am Unvermögen des deutschen Publikums, auf 2 und 4 zu klatschen und mit seinem 1 und 3 jegliches Live-Konzert zu ruinieren. Ich meide deshalb zunehmend Konzerte. Macht dich das nicht auch wahnsinnig?

ANDREAS: Glücklicherweise spiele ich die meisten Konzerte nicht für das Musikantenstadl-Publikum, sondern vor echten Blues- und Jazz-Fans. Im Yorckschlösschen ist mir das zum Beispiel noch nie aufgefallen, da ist immer ein super Publikum. Aber manchmal ist das schon nervig, da gebe ich dir Recht. Wie am Samstag bei der Jazzcruise auf dem Chiemsee… Ich habe aber ungefähr drei Stunden gebraucht, bis ich endlich wusste, was mich so unruhig machte…

K.J.S.: Siehste! Was möchtest du noch loswerden, bevor ich dir für dieses aufschlussreiche Gespräch vielmals danke?

ANDREAS: Danke für die wirklich interessanten Fragen. Keep the blues alive!