213/11: Interview: Karl Johannes Schindler im extrem diskreten Dialog mit Torsten Zwingenberger, Drums 5.0-Erfinder

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Karl-Johannes Schindler ist als Interviewführer gefürchtet und seine Fragen sind genau, auf den Punkt und lassen kaum Möglichkeiten für unpräzise Beantwortungsversuche. Insofern ist der Mann mit den Initialen „KJS“ als Interviewer für Schlagzeuger sozusagen „wie von Gott dafür auserwählt“. Schlagzeuger müssen, um gut zu sein, Timing, Präzision und eine Art „Let it bleed“ an den Tag legen, damit sie nicht im Ozean der übrigen Ahnungslosen untergehen.

Nur die Besten spielen auf Festen. Betriebsfeiern, Zelebralhallen, göttlichen Tempeln drücken sie auf, was sie besitzen: was von ihren rhythmischen Stempeln. So wie Torsten Zwingenberger, sein Style ist „unique“, wiedererkennbar und was ganz besonderes.

 

KJS - Karl Johannes Schindler

KJS

Deshalb  traf KJS den bekennenden „Fischkopp“ (Eigenbezeichnung) Torsten Zwingenberger und der verrät uns einiges über sein Konzept „drumming 5.0“, das anders als „Web 2.0“ keine vorübergehende Modeerscheinung zu sein scheint. Sondern eine bewusstseinserweiternde, anhaltende Langphase der europäischen Langnasen. Allerdings: Nachahmer wurden wenige gesichtet bislang. Wir danken wie immer KJS für Gespräche wie dieses, also Gespräche, die die Welt braucht. Hier das Interview im Wortlaut.

 

K.J.S.: Du hast das Schlagzeugspiel innoviert, andere sagen: revolutioniert. Hättest du gern noch mehr Körperteile, mit denen du trommeln könntest?

TORSTEN: Wow, revolutioniert. Da fühle ich mich geehrt! Nein, ich möchte nicht mehr Körperteile haben. Das würde doch komisch aussehen. Es wäre auch nur der Sensationsgier dienlich und nicht der Musik. Ich finde es ja gerade spannend, mit nur zwei Händen und Füßen so viel Klangteppich zu erzeugen, als wäre eine Krake am Werke.

K.J.S.: Mit wie vielen Fußmaschinen und Trommelstöcken agierst du in Spitzenzeiten gleichzeitig?

TORSTEN: Fünf Fußmaschinen, wovon die für die Bassdrum ein Twineffektdoppelpedal ist, das mit dem vorderen Fuß und der Ferse gegeneinander gleichzeitig gespielt wird. Somit sind es eigentlich sechs Pedale. Und dann bis zu drei Sticks, aber das nicht so oft. Es kommt häufiger vor, dass ich mit den Händen zwei Sticks plus zusätzlich ein oder zwei Shaker bediene, kombiniert mit Waschbrett und dem Schlagzeug. Da habe ich schon sozusagen eine Menge Bälle in der luft, die es dann gilt, rhythmisch unter Kontrolle zu halten – plus der Fußpedale, die ich dann auch noch mit Zehen und Fersen gleichzeitig spiele.

K.J.S.: Beeindruckend! Was inspirierte dich zur Namensgebung „Drumming 5.1“ für dein Spiel?


Torsten Zwingenbergers TEASY Swing Out Best – „Takin‘ a Walk“ (by P. Farrant) (via Youtube)

 Ralph Reichert (Sax) – Patrick Farrant (Guitar) Composer of „Takin‘ a Walk“ – Giorgi Kiknadze (Bass) – TEASY Torsten Zwingenberger (Drums / Percussion)
Recorded by Reiner Damisch http://www.reinerdamisch.de  – Clyde Club Hamburg, Germany on Oct 14th 2010

TORSTEN: Die aktuellen Bezeichnungen für jeglichen technischen Fortschritt im digitalen Zeitalter wie Web.2. Ich spiele aber rein analog ohne jegliche elektronische Zusatzunterstützung. Ich bin ja noch im analogen Zeitalter aufgewachsen und bin sicher, dass eines Tages das aktuelle Digitale von einem anderen neuen technischen Zeitalter abgelöst wird. Vielleicht einem, wo analoge Tugenden wieder eine größere Bedeutung haben. Und im Trommelbereich könnten „Drumming 5 point“ oder aktuell „Drumming 5.1“ da schon mal ein Blick in Richtung Zukunft sein.

K.J.S.: Magst du andererseits auch Trommler wie zum Beispiel den seligen John Bonham von Led Zeppelin, der mit vergleichsweise wenig Gerätschaften quasi gnadenlos brutale Akzente im Trommeln setzte, die dennoch unnachahmlich virtuos intoniert waren?

TORSTEN: Selbstverständlich. Auch für mich gilt eigentlich: Weniger ist mehr. Im Grunde setzt sich mein Drumkit aus gar nicht sooo vielen Gerätschaften zusammen. Da werden seitens von Herstellerfirmen gesponsorten Kollegen ganz andere Materialschlachten vorgeführt. Aber das, was ich da so am Set habe, setze ich auch ein – und davon ab und zu auch so viel es geht gleichzeitig.

K.J.S.: Was ist von dir und deinem Bruder Axel, dem legendären Boogie-Tastenmeister, gemeinschaftlich in Zukunft zu erwarten?


Schon was älter: Axel Zwingenberger & Torsten Zwingenberger – Boogie Knights (via Youtube)

TORSTEN: Wunderbare Konzerte und hoffentlich bald eine Live-DVD.

K.J.S.: Zwischen Brüdern müsste doch musikalisch eigentlich alles sozusagen blind harmonieren, oder?

TORSTEN: Ja genau, und das tut es auch!

K.J.S.: Du spielst außerdem weltweit mit einer Menge internationaler Koryphäen. Was steht da demnächst ins Haus?

TORSTEN: In den nächsten Tagen kommt eine CD von dem englischen Pianisten, Sänger und TV-Giganten Jools Holland bei Warner auf den Markt, die extra für den deutschsprachigen Raum produziert wurde. Darauf spiele ich mit meinem Bruder Axel und Jools Holland gemeinsam ein Stück, das wir „Miniatur Wunderland“ nennen. Ich spiele dort übrigens Schlagzeug kombiniert mit Waschbrett gleichzeitig. Jools Holland ist mit seiner BBC-TV-Live-Musikshow in Großbritannien etwa so bedeutend wie bei uns Stefan Raab. Auf dem besagten Album sind auch Herbert Grönemeyer, Ina Müller und Roger Cicero und noch ein paar internationale Weltstars wie Ringo Starr, Sting usw. vertreten.

K.J.S.: Kompliment.

TORSTEN: Danke. Ansonsten konzentriere ich mich aber auf meine Band-Projekte TEASY Swing Out Best, New Orleans Shakers, meine Piano- Drum-Duette mit Axel bzw. David Gazarov und seit neuestem auch wieder mit Harald John Abstein, mit dem ich ja vor 32 Jahren schon die Berliner Clubs unsicher gemacht habe und mit ihm und der Sängerin Regina Tischer seinerzeit auch in einigen TV-Sendungen vertreten war. Dann freue ich mich auch über die neue Zusammenarbeit mit der Glamour-Ikone Romy Haag. Und es gibt noch mehr hoch interessante Pianisten, mit denen ich Konzerte spielen werde, denn das Begleiten von Pianisten aller möglichen Stilrichtungen ist schon eine wirkliche Spezialität von mir.

K.J.S.: Jazz und Blues wurden schon tausendmal totgesagt, und zweitausendmal erstanden sie wieder auf. Was ist das Geheimnis dieser offenbar ewig vitalen Musik?

TORSTEN: Die Leidensfähigkeit der Protagonisten, die sie spielen. Nein, im Ernst: Keine Musik ist so spontan wie Jazz, wo auf der Bühne gemeinsam in den Improvisationen aus dem Stand heraus komponiert wird. Leider wird das Standup-Komponieren von der GEMA nie vergütet… Jazz ist die (!) Herausforderung in Sachen Kreativität und Spontaneität an Musiker. Und das bleibt immer spannend, auch wenn der Kreis der Interessierten zeitweise kleiner wird. Ich habe aber noch nie so viele aktive junge Musikerinnen und Musiker Jazz spielen hören auf enorm hohen Niveau, wie heute.

K.J.S.: Du bist Hamburger mit einem Faible für Berlin. Wo passiert derzeit mehr für Jazz und Blues und Live-Musik überhaupt?

TORSTEN: Am meisten passiert in Berlin, ganz klar. Ich lebe seit 1979 in dieser Stadt und bin aber aus privaten Gründen wieder häufiger in Hamburg. Die Hamburger Jazz-Szene ist auch klasse. Aber alleine die Quantität der Musiker ist in Berlin ungeschlagen in Deutschland. Das liegt an den vergleichsweise billigen Wohnungsmieten und den vielen Clubs, wo die sich ausprobieren können.

K.J.S.: Was unterscheidet Berlin von Hamburg ansonsten?

TORSTEN: In Hamburg sind die großen Wasserflüsse in der Stadt, in Berlin im Umland. Beide Städte sind toll, und ich bin stolz, in beiden zu leben. Heute war ich mal wieder im Hamburger Hafen. Das ist schon großartig. Aber so bunte Kieze über die ganze Stadt verteilt wie in Berlin gibt es da nicht so.

Offizielles UNO-Emblem "Weltkulturerbe"

Offizielles UNO-Emblem „Weltkulturerbe“

K.J.S.: Was hat das Berliner Yorckschlösschen, was andere Live-Läden möglicherweise nicht haben?

TORSTEN: Das Yorckschloss ist eine Trutzburg des Berliner New-Orleans-Jazz, Blues, Boogie und Rhythm And Blues und fing so etwa mit dem Live-Programm an, als ich 1979 nach Berlin zog und mich häufig im Kreuzberger Jazz-Bermudadreieck austobte. Das bestand aus dem Leierkasten, Nulpe, Delirium – später ohne Jazz dann auch in Tremens umgetauft – und eben dem Yorckschlösschen. Und das hat als einziges überlebt und die Kreuzberger Kneipen-Livekultur aus dieser Zeit am Leben erhalten, so wie sie auch in Sven Regeners Buch „Herr Lehmann“ beschrieben wird. Der Laden ist einzigartig. Olaf Dähmlow hat da eine Perle, und die gehört eigentlich zum Weltkulturerbe erklärt. Leider fehlt da in der Galerie noch ein Bild von mir…


Schon was älter: Champion Jack Dupree – No Dog No More (with Axel + Torsten Zwingenberger) 1988 (via Youtube)

Champion Jack Dupree (1909 – 1992) – Live on Stage with Axel and Torsten Zwingenberger – „No Dog No More“ -from the Album „Axel Zwingenberger and the Friends of Boogie Woogie Vol.6“ – Recorded 1988

K.J.S.: Was möchtest du noch loswerden, bevor ich dir für dieses aufschlussreiche Gespräch vielmals danke?

TORSTEN: Eigentlich habe ich doch für so einen mundfaulen Fischkopp genug gesagt…

Ein Gedanke zu „213/11: Interview: Karl Johannes Schindler im extrem diskreten Dialog mit Torsten Zwingenberger, Drums 5.0-Erfinder

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