296/13: Große Musiker: Tomatensalat, Eiskaffee, Stephan Emig, Fressen, Saufen und „Berlin Drum Week“ #reviews

Schaufenster bei "Lederhandel", Bergmannstr. 90, Kreuzberg

Schaufenster bei „Lederhandel“, Bergmannstr. 90, Kreuzberg

Große Musiker sind nicht unbedingt 1,90 m groß und deswegen groß. Manche sind auch deutlich kleiner und müssen sich erst recht dafür nicht schämen. Allerdings kann der Zuschauer einer Schlagzeugveranstaltung zuweilen so ähnlich gucken, wie dieser Herr, der die Schaufensterauslage vom „Lederhandel“ in der Bergmannstr. 90 äußerst gekonnt schmückt. Er hat die Aufgabe, ein „eyecatcher“ zu sein. Das gelingt ihm.

Der Zuschauer, Teilnehmer und „Drummer mit Wissenserweiterungsmodus“ hingegen ist niemals teilnahmslos. In besonders haarigen Momenten aber fängt er an, ähnlich zu schauen, wie der Herr hier oben. Und obwohl Schlagzeuger, ist er dann bass erstaunt. Soweit zur Vorklärung. Stephan Emig (Baujahr: 1976), um das noch kurz hinterher zu schieben, ist in D-Deutschland (sinngemäß: Drummer-Deutschland) nicht unbekannt und wenn wieder so ein D-Day (sinngemäß: Drummers Day) ist, sieht man ihn häufiger dort. Er ist auch Wissensvermittler, Dozent, Lehrer und Coach. Langsam.

Latin Percussion im Sonnenlicht  #BDW

Latin Percussion im Sonnenlicht #BDW

Am Kurstag des 2. August 2013 stand auf der Berlin Drum Week das Thema PERCUSSION mit auf dem spieltechnischen Speiseplan. Während der ganzen Zeit war das Wetter irgendwie „stark gesotten“, sonnendurchtränkt. Die Hitze schlug sich Bahnen. Wie geschaffen, das auch ordentlich zu verarbeiten.

Im April 2012 war Stephan Emig in Oslo, Norwegen. Dort nahm er Songs auf mit „triosence“, das ist ein Trio. Hier erlebt man einen vielschichtigen, fein denkenden und vielfältigen Drummer, dem auch Percussion und leise Besenparts nicht gegen den Strich gehen. Auch wenn es Drums sind, so ist das Besteck eine ganze Batteria della rhythmica, und irgendwie auch ganzheitlich in Benutzung. So ungefähr muss man wohl auch den Menschen und Drummer Stephan Emig sehen.

Im Gespräch mit ihm und einigen anderen Teilnehmern der Berlin Drum Week wird mir vieles klar, das mir so noch nicht ganz klar war bisher.

– Jeder gute bzw. gut ausgebildete Drummer hat einen mindestens klar benennbaren, nicht unbedeutenden Anteil „teaching“ im Gepäck. Nahezu jeder Drummer, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, bildet auch aus. Wer gut geworden ist durch lebenslanges Üben, gezielte Ausbildung und Arbeiten bis hinein ins 3rd level of drumming, der ist auch dazu berufen, sein Wissen wiederum weiterzugeben. So ist das eben.

– Viele gut ausgebildete Drummer begreifen sich nicht mehr nur als reine Schlagzeughocker (Witz: Was hat drei Beine und oben drauf einen Arsch? Der Schlagzeughocker. #Spezialistengruppe: Musikerwitze, facebook). Schlagzeuger sind immer mehr auch Rhythmus-Sachverständige mit übergreifenden Talenten, die weit über das „hinterm Set sitzen“ hinausgehen. Vielfältige lateinamerikanische Percussions-Instrumente noch zusätzlich bedienen zu können, erweitert den eigenen Horizont. Und das zur Verfügung stehende Gesamtspektrum verfügbarer Klänge. Also, ran an die Chichis und Cabasas, an Congas und Timbales, sogar Body Percussion kann gefragt sein (berühmt: Bobby McFerrin), oder beatboxing.

Nicht zuletzt sind wir alle heftige Lärmverursacher, machen also gehörig Krach, indem wir hinter den „Töpfen und Deckeln“ sitzen und jeder von uns gewohnt ist zu üben, möglichst viele Schläge in möglichst kurzer Zeit aufs Fell und auf die Bleche zu klopfen. Je schneller, desto bewunderungswürdiger.

Hier greifen unterrichtserfahrene Musikpädagogen gehörig ein. Und auch wenn der jugendliche Schweizer Teilnehmer gehörig nervt, weil er schlichtweg nicht in der Lage ist, seine Sticks mal einen Moment nur hinzulegen und zuzuhören: Schlagzeug spielen bedeutet Noten zu spielen und in vollkommen gleichberechtigter Art und Weise auch, Noten nicht zu  spielen. Die Älteren von uns kennen noch „The Black Page“, ein Vorführstück von Frank Zappa auf einem weißen Blatt notiert in einer solchen Dichte, dass die Notenschwärzung das weiße Blatt ins Schwarze transmutiert. Wer das spielen kann, durfte sich Hoffnungen machen, von Zappa als denkbarer Schlagzeuger in Erwägung gezogen zu werden.

no one´s fault – triosence from Sven Kalvelage on Vimeo.

oslo, rainbow studio, april 2012. recording session of the song ´no one´s fault´ by trionsence.
piano & composer: bernhard schueler
drums: stephan emig
bass: matthias nowak
sound engineer: jan erik kongshaug
video: sven kalvelage / crozonfilm
copyright by triosence / bernhard schueler

(Mit Dank an triosence für dieses großartige Video)

Vielleicht ist das Gegenteil von Frank Zappas Idee von „The Black Page“ ein Stück wie das hier gezeigte Stück „no one´s fault“ von triosence, der Band von Stephan Emig. Hier ist alles locker, luftig, leicht, schlicht unverkrampft. Ruhig, im Fluss, in Andeutungen und An- bzw. Überspielungen, hin zum nächsten Part. Aber klingt doch großartig, oder?

Let´s Groove - Aspects of Grooving mit Stephan Emig

Let´s Groove – Aspects of Grooving mit Stephan Emig

Ich muss zugeben: Ich bin eher ein Fan von solcher Art von Musik, inzwischen. Zunehmend verärgert mich Verzerrung, Übersteuerung und „unreiner Klang“. In zunehmendem Maße sehnt sich mein Musikgefühl nach „Diversifaktion“ und Vielschichtigkeit verfügbarer Klänge. Dabei kommen mir Spielweisen und Instrumentierungen entgegen, die etwas abseits vom allzu Gewöhnlichen liegen. Das Video erfüllt für mich all diese Kriterien und deswegen stelle ich es gern vor.

Aspects of Groove? Das war auch ein Seminarthema auf der Drumweek. Es ginge nämlich darum, nicht nur zu spielen, sondern es ginge auch darum, es erstens mit „gleichbleibender“, sorgfältig austarierter Gleichmäßigkeit zu tun. Und es ginge darum, dass der Schlagzeuger sich selbst reduziert und nicht nutzlos herumpräkelt. Wozu auch die Variation gehört. Das in jedem weiteren Takt leicht Abgeänderte. Bleibt doch mal bitte bei der Stange, Leute. Spielt einfach nur das, was Euch aufgetragen ist. Nicht mehr. Und auch nicht weniger. Lasst zu, dass ein hinzu kommender Percussionist die Aufgabe übernimmt, diesen „Grundgroove“ zu ergänzen und erst dadurch verschmelze „eins und eins“ (zwo) zu „eins Ganzes“. „Beim Schlagzeugspielen.“ 😉 – Gar nicht so leicht, so was.

Dahin Gespieltes und zwischendrin, mit absoluter Gleichberechtigung: das nicht Gespielte. Das ist Musik. Eventuell ist Groove das, was exakt nicht gespielt wurde, weil das, was exakt zwischen den Pausen gespielt wurde, sich nur auf diese eine Art und Weise unwiderruflich korrekt dazwischen einordnen kann! Oje.

Diktatur oder Demokratie? Dirk Erchinger, Leiter der Veranstaltung, sagt während einer Einheit sinngemäß: Demokratie im Bandzusammenhang? Das kann nicht immer klappen. Es gibt Zusammenhänge, in denen man Entscheidungen treffen muss. Und eben nicht demokratisch sein. Sondern entscheiden. (Schwieriges Feld, nachdenken darüber, später)

Thai Pagode, Bergmannstr. 88, Highlight!

Thai Pagode, Bergmannstr. 88, Highlight!

Dann wird der Rhythmus scharf, rattenscharf. So scharf, wie das ausgezeichnete Imbiss-Essen in der Hagelberger Str. 88, bei einem der für mich besten Thai-Imbisse der (West-)Berliner Gastro-Hemisphäre. Die Thai-Pagode war in jenen Tagen meine Catering-Anlaufstelle für die „kleinen Pausen“ zwischendurch und wären jene Spielpausen (siehe oben) länger gewesen, ich hätte zweifelsohne weitere Leerstellen der Drumwoche in Berlin dort zubringen wollen. „Sei´s drum.“ (Redewendung von Drummern?)

Stephan Emig bei den Warm-Ups im Hof

Stephan Emig bei den Warm-Ups im Hof

Sind Schlagzeuger am Ende ganz verfressene Archetypen? Darauf deutet auch das Warm-Up mit Stephan Emig im Hof der Global Music Academy hin. Nur kurz sind wir Analphabetiker (Schlagzeuger) dabei, die richtige Reihenfolge des 26 Buchstaben zählenden Normalalphabets (für Nichtschlagzeuger) auswendig zu erlernen, indem wir die 26 Stück rhythmisch begleiten mit links, rechts und beiden Händen. Schon sehr bald geht´s wieder ums Fressen: Tomaten-Sa-lat-Tomaten-Sa-lat, To-ma-ten-sa-lat undsoweiter. Fressen als Grundlage, sich richtig aufzuwärmen. Kurios. Dann Durst: Eis-kaf-fee-Eis-kaf-fee-Eis-kaf-fee-Eis. Zack, bumm, platsch, klöng. Die gesamte Teilnehmerschaft (rund 30 Teilnehmer) nehmen´s Fressen und Saufen locker, langsam wärmen sich die Gelenke und inzwischen gelingt allen Warmgespielten das „konzentrierte Üben“, niemand präkelt herum. Nur der eine junge Schweizer, aber dem ist nicht zu helfen. 🙂

Irgendwann wird´s ihm mal einer sagen. Oder er kommt selbst drauf? Nochmal: Sei´s drum. Tschak. Bumm. Wacka dakk…

Weblotse

(EP)

2 Gedanken zu „296/13: Große Musiker: Tomatensalat, Eiskaffee, Stephan Emig, Fressen, Saufen und „Berlin Drum Week“ #reviews

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