411/15: Zwischenbericht: Soeben eingegangen: Das große Buch zum „Inner Pulse Trainer“ von Frank Mellies

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Frank Mellies aus Essen ist Schlagzeuger. Unlängst hat er eine App entwickelt, die er Inner Pulse Trainer nennt. Es handelt sich um eine App für das Smartphone (gut), die man auch auf Tabletts (besser?) installieren kann. Zusätzlich zur App gibt es ein ausführliches Buch, das man sich zusätzlich kostenpflichtig bestellen kann. Ich habe beides inzwischen zum Test vorliegen. Heute kam das Buch vom Autoren per Büchersendung. Herzlichen Dank.

Frank Mellies geht es um eine wahrhaftige, hintergründige Ausforschung und zutreffendes Feedback zu seiner App. Ich werde mich damit aus ein paar vielleicht nachvollziehbaren Gründen näher befassen. Es geht um nicht mehr und auch nicht weniger als gute Musik, gespielt von sauguten Musikern und das auch noch mit einer inneren, richtigen Zeit. Das Vorhaben ist nicht zu gering gesteckt: Da es um Zeit geht, werde ich wohl welche benötigen. Mir schwant, es ist ein Langzeitexperiment. Apps lassen sich nicht rauchen als bewusstseinserweiternde Substanzen, ein kurzes Global Warming und zack, fertig ist die Laube. Vielmehr gilt. Gut Ding will Weile haben.

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Joey Smith und der drummerische Garten of Eden: Hier ist der Wunsch Vater des Gedankens. – Auf Twitter wurde mein Account zur Liste großer Drummer hinzugefügt: Dabei bin ich nur 1,89 groß. Der Gedanke an sich ist aber sympathisch, hätte er allerdings auch intensiver recherchiert werden können. 😉 . Danke, danke.

Apropos Timing und Zeiteinteilung

Gestern haben wir aufwändige Aufnahmen von einer Formation angefertigt mit fünf Gesangsstücken ohne Gesang, die Sängerin kommt extra plus drei instrumentale Titel. Es ging uns dabei darum, eine Art Referenz-Tonträger herzustellen, mit Hilfe dessen wir unsere Musik umfassend erläutern können. Man braucht etwas Vorzeigbares, um auf den Bühnen der Welt Fuß zu fassen, wo Bata Ilic behauptete, er habe noch Sand in den Schuhen aus Hawai. Dass das keine Ausrede wäre, sondern Ausdruck richtiger Lebens- und Sinnstiftung, ginge es darum, eine Band wie diese aufmerksamkeitserregend aufzunehmen und abzubilden. Die Band befasst sich momentan mit dem großen Realbook, mit Jazzstandards. Es wird also nicht die Welt neu erfunden werden, denn diese Musik gibt es schon. Alle Großen sind schon tot.

Es ist die Liebe und die Passion zu dieser Art Musik.

Screenshot Inner Pulse Trainer

Was ich berichten kann: Wir haben die Aufnahmen, die mit zwei Tagen angesetzt waren, sicherheitshalber, an einem Tag fertiggestellt. Im Ergebnis werden wir acht Stücke hoffentlich guter Musik anhörbar haben. Die Sängerin singt extra ein, wir waren zu viert (kb/piano, b, g, dr.). Bis auf zwei große, äußerst langsame frei interpretierbare Jazzballaden, eine Königsdisziplin des verhaltenen Spiels, wurden die weiteren Aufnahmen stets unter Zuhilfenahme eines Klicktracks erarbeitet.

Time, die Zeit, und was zusammenfassend auszuführen ist:

„Ticking away the moments that make up a dull day
You fritter and waste the hours in an offhand way.
Kicking around on a piece of ground in your home town
Waiting for someone or something to show you the way.“
Pink Floyd, Time, The Dark Side Of The Moon

Es geht um Zeit im Großen Ganzen. Es geht um die Zeit im kleinen Abschnitthaften. Makro- und Mikrotime in verschieden Zeitabschnitten. Ein Tag mit Aufnahmen (Makro) ist oft kürzer als gedacht. Wer schneller spielt, ist früher fertig. Allerdings hat das nichts mit dem wohlfeilen Empfinden richtig angewendeter Zeitregeln zu tun. Es muss für alles, was wir tun, die Zeit auch richtig sein. Auf den Punkt. – Denn wir transportieren Glückshormone: Zuerst in unseren Blutbahnen, mit etwas Glück auch beim Zuhörer.

Die Time eines Musikstücks, und das betrifft überraschenderweise nicht nur Drummer (!!), muss grundsätzlich richtig gewählt werden. Nach landgängigen übereinstimmenden Auffassungen wird es heute als unschicklich  empfunden, hiervon ohne vernünftigen Grund signifikant abzuweichen. Als normal soll durchgehen, wenn ein Stück bspw. in 90 bpm anfängt und gegen Ende des Stücks vielleicht 96 bpm aufweist. Es gibt Konstellationen, wo selbst das noch zu viel ist. Neben einem konstanten Tempoanstieg gibt es auch Rupturenstrukturen, wo es beim Solo des Bassisten plötzlich affenartig ansteigt, das Tempo und wo dies im nachfolgenden ruhigen Gesangsteil geradezu störend für eine weitere erfolgreiche Umsetzung des Songs verblöden kann. Mit anderen Worten: Die Zeit lässt sich kaum erfolgreich verallgemeinern. Sie ist anlassabhängig.

Nichts ist so unstetig wie gesunde Zeitempfindung. Dass wir einen Song richtig anfassen, ihn in der richtigen inneren Zeit interpretieren, mehr oder minder Glückssache? Das ganze Thema ist viel zu groß für diesen Artikel. Am Ende kann ich sowieso keine Lösungen anbieten, aber aus Erfahrung sagen: Ich werde immer besser, je länger ich an den Sachen übe und feile. Oft fehlt mir der gute Übekontext, und dann spiele ich nur. Viele Leute üben nicht, sondern spielen. Mir ist klar geworden, dass ich an einem Gesichtspunkt meines Schlagzeugspielens immer besser geworden bin. In einem ganz wichtigen Punkt jedoch fehlt mal ganz abgesehen von der gefühlslosen Stock-Technik innere Gelassenheit: Sich am Tempo der Musik zu weiden und mit ihm in ihr gänzlich zu verschmelzen mit der Band zu einem alles überragenden atemberaubendem Tempo vivendi. Ein gewinnbringendes Tempo dividendi. Ob´s das als Begriff schon gibt?

Recordings on 10th of August, 2015 #Jazzbirds.tv

Recordings on 10th of August, 2015 #Jazzbirds.tv

Nochmal zu den Aufnahmen gestern: Das wurde auch wieder deutlich im Aufnahmetechtelmechtel. Abgesehen von ausufernder, konzentrierter Arbeit über Stunden lässt mit der Zeit die Fähigkeit, als Taktmaster noch sauber zu herrschen, merklich nach. Ganz am Anfang ist es die Aufregung, die einen stört. Später, gegen Ende langwieriger Hardcore-Aufnahmetage hin, ist es die totale mentale und körperliche Ermattung. Es ist das Gegenteil von Panta Rei („alles fließt“). Nichts fließt mehr, außer der Schweiß. Eventuell auch Tränen.

So you run and you run to catch up with the sun but it’s sinking
Racing around to come up behind you again.
The sun is the same in a relative way but you’re older,
Shorter of breath and one day closer to death.

Werde ich diesen Aufnahmetag überhaupt überleben? – Frank Mellies ermuntert mich mit folgendem Spruch: „Gutes Timing kann man lernen.“ Das gefällt mir.

Gegen Ende der Aufnahmen, die von morgens 10 Uhr bis ungefähr 17:30 Uhr andauerten, war ich so ausgepowert, dass mir die Eins zeitweilig abhanden kam. Alles verschiebt sich im besten Fall um eins und dann hast du eine hammerharte Zwo als Eins auf dem Ohr, aber die klingonenhafte Eins (die anders klingt als die zwo, drei, vier) wird zur vier. Von derartigen Verschiebungen, die man absichtlich ausprobieren könnte, war ehrlich gesagt nie die Rede.


Frank Mellies – Schlagzeugsolo (via Youtube)

Eine ganz einfache Eselsaufgabe, inspiriert von Anika Nilles in einer Onlinelessons.tv-Unterrichtseinheit, in der es um Quintolen ging: Spiele beidhändig abwechselnd Quintolen auf der Hihat „eins zwei drei vier fünf“ und schlage die zweite Eins auf der Snare. Sodann lasse alles flüssig geschehen, bis es groovt (mit Metronom). Dann setze die Bassdrum auf die eins, setze fort. Nach einer Weile verschiebe die Bassdrum um eins auf die zwo. Dann auf die drei, vier, fünf, nacheinander. Lasse Dir Zeit. – Macht das mal: Ist simpel. Und ziemlich schwierig. Great balls.

Ich bin jetzt mal für eine Zeit ein Timerisender (engl.), ein Zeitreisender (dt.), ich muss diese Mist-Time, die ich innerlich besitze, verbessern. Spielen kann ich wirklich schon einiges: Allein es fehlt mir die Zeit. Die „inner clock“. Ich werde zu gegebener Zeit ausführlich berichten. Kann mir Frank Mellies dabei wirklich helfen, meine Timingprobleme zu überwinden? Ich bin gespannt. Mehr demnächst in diesem drummatischen Kino.

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