452/16: Positionen: Die freie westliche Welt und die Führungsmacht #USA

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Menschen, die von Freiheit träumen, sollten’s Feiern nicht versäumen. (Marius Müller-Westernhagen)

Schwieriges Thema.

Die westliche Welt trägt zunehmend tiefen Groll im Herzen. Die Freiheit wird weggeräumt. Für ein großes Ganzes. Dabei haben die USA ihre Vormachtstellung in Sachen persönliche Freiheit längst abgegeben. Hatten die Vereinigten Staaten von Amerika in Wirklichkeit nie eine solche Führungsrolle? Vielleicht doch nicht. In größeren Zusammenhängen gedacht.

Als erstes sind viele Europäer ausgewandert, dorthin. Waren Vogelfreie. Und benahmen sich auch so. Die Indianer wurden platt gemacht und wo es nicht gleich geklappt hat, besoffen, mit Feuerwasser gefügig. Später in Reservate gesteckt, eingesperrt, und man nannte es Minderheitenrechte, im fest vorgefertigten Distrikt zu leben.

Der Rest ist Geschichte.

Music and groove is like LOVE. Everyone needs it. (Harald Wester, Schlagzeuger, München)

Richtig:

Im Vergleich zu Nazideutschland erlangte Westdeutschland als Teil des Verlierer-Deutschlands in engen Grenzen mehr Freiheit nach dem 8. Mai 1945. In Ostdeutschland wurde erst einmal alles abgeräumt, was sich noch verwenden ließ und Richtung Osten verschickt. Das Bernsteinzimmer verschwand komplett.

Leonard Bernstein hingegen gelangte zu Weltruhm.

Es gibt ein Foto von Angela Merkel, auf dem sie zu DDR-Zeiten mit zwei weiteren Freundinnen am Ostseestrand baden ist. Wie es üblich war, nackt. Wenn man dieses Foto als Einordnung der Kanzlerin in eine kulturhistorisch bedeutsame Epoche des Nachkriegsdeutschlands auf Facebook veröffentlicht, wird es von Facebook gelöscht und der Poster erhält einen Verweis. Dagegen nützt auch kein Widerspruch etwas: Facebook lehnt jede Diskussion darüber ab.

Die Siegermächte zerstritten sich und Onkel Stalin die rote Gefahr. Nur vielleicht Mao Tse Tung hat mehr Menschen auf dem Gewissen. Die gelbe Gefahr.

Korea: gescheitert. McCarthy: Eine tiefe Wunde im Fleisch der amerikanischen Nation. Und wie sie die Schwarzen abgeschossen haben und Weiße, die Veränderungen in großem Stil planten. John F. Kennedy und seinen Bruder Robert beispielsweise. Ich muss mich kurz fassen, diese Website erklärt einem nicht die ganze Geschichte der Welt in kurzen Augenblicken.

Man muss Vietnam noch erwähnen. Und Kuba. Das gehört sich so.

Den Irak. Vor 1979 im Zusammenhang mit Amerika Afghanistan und hinterher den Einmarsch durch Sowjetmächte. Keiner der hier genannten Gesichtspunkte der Entwicklung der Welt sind ein als richtiges Ruhmesblatt zu erwähnen. Politik hat hier stets versagt und Entwicklungen waren immer anders, als es die Machtstrategen vorausgesagt haben.

Schließlich Nine Eleven, vielleicht der signifikanteste Wendepunkt in der Weltgeschichte der letzten vierzig Jahre. Afghanistan, Einmarsch im Irak, Zerschlagung des gesamten Mittleren Ostens. Das ist einfach zusammenzufassen und man braucht keine Voreingenommenheit, um die Richtigkeit bis hierhin zu bestätigen. So war’s.

Und jetzt haben wir den größten Lauschangriff aller Zeiten, komplette digitale Überwachung. Ich danke, dass ich das noch schreiben darf. So schlimm ist es auch wieder nicht.

Vor vielen Jahren konvertierte Cat Stevens zum Islam. Dass er heute nicht vernünftig, gerecht und schnell in die USA reisen darf, ging durch die Presse. Inzwischen gelten auch Schlagzeuger als verdächtig, die genau das Gegenteil von dem tun, wofür man sie verdächtigt. Sie fahren weltweit auf Drumclinics, erklären den Menschen die Freude des Schlagzeugspiels, ihre Clinics sind gut gebucht, und die Menschen sind begeistert.

Ein solches Happening zu besuchen, das ist ja auch immer mal ein Stück über einen Tellerrand zu blicken. Was machen denn die Deutschen so, wenn sie nicht Flüchtlinge aufnehmen, beispielsweise? Der Hamburger Schlagzeuger Jost Nickel war kürzlich im Iran. Was er vorgezeigt hat, begeisterte die Menschen, weiß Nickel zu berichten. Er hat sich „den Arsch“ abgespielt, gegroovt, gepräkelt, dass es eine Freude war. Im Iran liegt trommlerisches Höllenfeuer, viel vom Perkussionswissen der Welt kommt von dort. Udo Dahmen, Professor und Leiter der Popakademie Mannheim, hat die Bedeutung dessen kürzlich sehr ernst genommen.

In Mannheim gibt es inzwischen eine Sparte Weltmusik. Pop- und Rockmusik, das ist ja gut und schön, aber was soll das ohne grundmusikalisches Basiswerkzeug, ohne Grundwissen, Zusammenführung und wie sonst „Weapons for the modern Drummer“ schmieden? Sind es nicht hochgradig friedfertige, legitime Waffen?

Jost Nickel hat, was seine Band Disko No.1 angeht, gerade mal mehr Zeit, als Clinician weltweit umher zu reisen, mal ist er in Sevilla (Sie ist interessiert. Denn Sevilla.). Dann geht es weiter nach New York zum Drummers Collective. Zurück nach London. Das Kontinenthopping mag schöne Seiten haben. Anstrengend ist vor allem das Hopping gen Amerika.

Jost Nickel sagt: „Ich hatte eine so gute Zeit im Iran letztes Jahr. Die US-Immigration-Behörde war an diesem Besuch meinerseits sehr interessiert. Ich erzählte ihnen: Ich habe nur die nettesten Menschen dort getroffen.“

Ist das nicht auch verdächtig harmlos und naiv. Die Kernfrage ist doch: Können Iraner überhaupt nett sein?

So ist es immer, wenn ein an und für sich freiheitliches westliches System Beamte dran setzt, die Freiheit an und für sich zu verwalten. In diesem Fall nennt man es homeland-Security und findet es verdächtig, wenn Menschen nach Persien reisen, eins der Ursprungsländer guter Riddims, um mit den Iranern Musik zu machen und ihnen zu zeigen, dass wir Europäer von ihnen gelernt haben.

Wie schade. Nicht für die Europäer. Nicht für die Iraner. Wie schade für Amerika. Das war mal ein freieres Land ohne nennenswerte Neurosen. Mein Amerikabild hat sehr gelitten in den letzten fünfzehn Jahren. Nine Eleven war ein Dammbruch. Was hinterher passiert ist, steht in keinem guten Verhältnis und ist aus dem Ruder gelaufen. Ich wünschte mir wieder andere, gute alte Zeiten Mit allen guten Wünschen: God bless America.

Den Schlagzeuger Claus Hessler trifft ähnliches. Als er im November 2016 als Dozent die Drummer Week von Onlinelessons.tv in Neustadt an der Weinstraße leitet, treiben ihn ernstliche Probleme um. Er muss nach China abreisen, dort wartet eine Clinic auf ihn. Kurze Zeit später muss er zur Pasic nach Indianapolis (USA), vorher ist ein Zwischenstopp in Deutschland geplant. Probleme mit dem US-Visum.

Auch Hessler trat im Iran auf.

Stets ein Stück komplizierter ist es geworden, noch ohne Umschweife überhaupt in die USA zu gelangen. Nach der US-Wahl witzeln in der Wahlnacht welche, die kanadischen Grenzen stünden jetzt US-Bürgern offen. Die Einreisebehörde Kanadas sei zusammengebrochen, als die Menschen erfuhren, Trump werde nächster US-Präsident.

Wir warnen ja vor Allgemeinplätzen. Aber heute ist man nicht mehr links oder rechts. Heute reicht es schon aus, ein paar Muslime zu treffen, um sich verdächtig zu machen und genauer inspiziert zu werden. Der Grund ist ganz einfach: Information overload. Gehts noch?

Derweil warnt Ed Snowdon per Videozuschaltung aus Moskau die Teilnehmer einer IT-Konferenz, den Nachrichten, die über das soziale Netzwerk Facebook verbreitetet werden, gründlich zu misstrauen. Das Wort von der Filterbubble macht die Runde: Eine Art inhaltliche Schweinsblase genehmer Gutnachrichten bricht sich Bahn und User weltweit steuern diese durch ihre Algorhythmen (das Wort ist absichtlich so geschrieben). Was für eine Groove- und was für eine Richtungsänderung.

Claus Hessler "Camp Duty Update"

Claus Hessler „Camp Duty Update“

Facebook drückt allen weiteren Ländern der Welt eigene Anschauungen auf und unterbindet alles, was dem amerikanischen Wertesystem zuwider läuft. Dazu gehört das Thema Nacktheit in einer nicht gekannten Prüderie ebenso, wie die komplette Themeninkompetenz auf den Feldern des Rechtsextremismus und des islamistischen Terrors. Ganz im Gegenteil: Es könnte durchaus sein, dass Facebook diese Sachen nicht löscht, weil sie das Böse so anschaulich präsentieren. Wer seinen Kopf behalten will, klickt weiter artig Facebook. Ansonsten: Maul halten.

Unter Drummern, die international herumreisen, wird inzwischen die Zwei-Reisepass-Theorie diskutiert. Einen für die Gut- und ein anderer für die Schurkenstaaten.

Schlagzeuger, die weltweit als Clinicians tätig sind, sind Friedensbotschafter und Kulturattachés. Sie stiften enge Bindungen, Verbindung, gute Kommunikation, anders als ein System kompletter Entfernung und Überwachung. Das ist „Ran an den Feind“ in einem guten Sinne. Wie im Diplomatenkorps üblich, müssen solche Schlagzeuger diplomatischen Status erhalten und an jedem Flughafen der Welt mit korrekt eingeübten Rudiments begrüßt werden. Als fortgeschrittene Literaturempfehlung verweisen wir auf das Buch von Claus Hessler „Camp Duty Update“ (Snare Drum Rudiments: Ein Spagat zwischen Tradition und Moderne. (Bild weiter oben)

Ich selbst könnte den Hessler besser gebrauchen als das Buch. So von wegen „Ich bin ja nicht so der Schrifttyp.“ 😉

Was jene angeht, die die homeland-Security als eigene Landesbehörde zu verstehen lernen müssen aber gilt: Was macht man denn in Gurkenstaaten?

Habe ich alle Gesichtspunkte zutreffend erfasst?