497/17: Aufnahmen: Die Jazzballade, Patina auf der Lampenschale, Miles & more, Mojito und Erinnerungen an Portugal

Als Ballade in der Unterhaltungsmusik werden melancholische Stücke in langsamem Tempo bezeichnet. Für Rockballaden wird auch der Begriff „Power-Ballade“ verwendet. Balladen von Liedermachern legen das Schwergewicht auf den Textinhalt. Bei Liedern, die im Songverlauf den Balladen-Charakter verlieren, spricht man bisweilen von „Halbballaden“. Beispiele dafür sind Stairway to Heaven (Led Zeppelin) oder One (U2). Im Jazz spielt der Schlagzeuger bei langsamen Stücken erzählenden Charakters oft mit dem Besen. Bei Rockballaden werden in Konzerten oft Feuerzeuge oder Handys hochgehalten, um ein Lichtermeer zu erzeugen. (zusammenstellt aus Wikipedia, deutsch, zu „Ballade“)

Der Zuhörer einer Jazzballade hält hingegen ein nasskaltes Stimmungsgetränk in der Hand, an dem er in sich versunken nippt, häufig an einem Tisch sitzend, mit Kerzenbeleuchtung, mindestens aber bei gedämpftem Licht im Saale wegen der Patina der Lampenschale. Weniger in Halle/Saale. Soweit zur Poplyrik. Wenden wir uns jetzt etwas ganz anderem zu.

Ich kann berichten, dass mir das Spielen von Jazzballaden immer sehr gefällt. Der Grund: Sie sind langsam, sparsam, meditativ. Sie leben vom Weniger, nicht mehr. Action ist abgesagt, die Ruhe in Person ist es. Keine Artistik. sondern „Der Ton“, hohes Maß Spannung, bloß kein künstlicher Klimax oder irgendeine Art von Selbstbeweihräucherung. Die Ballade ist es in sich selbst. In jener Zeit meiner ersten Anbahnungsversuche mit Jazz waren es immer Balladen verschiedener Jahre eines Miles Davis, dies sind allerfeinste Momente voll Kontemplation.

Musiker:
Ittai Rosenbaum (p)
Karl Schloz (g)
Stuart Kemp (b)
Tommy T. Tulip (dr.)
recorded September 22nd, 2017, Berlin

Was Miles betrifft, so habe ich Assoziationen mit Portugal. Das mag an jener Zeit liegen, in der ich dorthin reiste. An die Algarve nach Sagres, am westlichsten Zipfel Europas, den Atlantik vor Augen, diesen wilden Strudelpfuhl. Dort gab es eine kleine Bar, das Dromedario, kamel-leon-artig (ein höckerner Löwe mit Goldmähne und Trompete, dazu eine Flasche großen Braunen auf dem Tresen), stimmungsfarben wechselnd. Man bestellte sich hier auch Cocktails. Und dann wunderbar balladesker Jazz eines Miles Davis, interpretiert ohne allzu striktes Timing oder sogar mit wechselnder Geschwindigkeit. Wie es die Gefühle erfordern. Später führten mich diese Erinnerungen häufig im Kopf nach Sagres zurück, wenn ich Miles auflegte. Kürzlich sprach ich mit Katharina Franck (Rainbirds). Sie wuchs dort auf, weil ihr Vater in Portugal eine deutsche Firma vertrat. Ich verortete sie sogleich in der Nähe von Sagres und fragte, ob sie da gewohnt hatten, wo Manfred „Manne“ Praeker (Spliff, Nina Hagen Band – verstorben) sein Studio gehabt hatte?

Alles falsch. In meiner persönlichen (Fehl)Bildung gibt es nur Sagres und dessen unmittelbare Umgebung. Und nur Sagres hat mir Miles Davis nähergebracht, besser: Ich verbinde das mit Sagres.

Jazzige Balladen tragen keinerlei Absicht in sich, etwas im Schilde zu führen. Sie ereignen sich, plätschern wie Whisky oder Mojito. Balladenhafte Jazzstücke zu spielen hat auch was von erwachsen werden. Sie zwingen den Drummer sich ganz zurückzunehmen zugunsten eines paradiesischen, mit allzu laut ausfallenden Miteinanders. Ich liebe das.

Im Überschwang meiner persönlichen Hochgefühle vergaß ich indes, den Namen des Musikstücks aufzuschreiben. Aber ist ja auch Wurscht: Soweit für heute aus meinem persönlichen Nähkästchen.

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